90 Prozent der befragten Männer haben im vergangenen Jahr mindestens eine Form von Straßenbelästigung begangen. Eine neue Studie aus Salzburg zeigt, welche Entwicklungsfaktoren dabei eine Rolle spielen – und warum es trotzdem eine bewusste Entscheidung bleibt.
Fast jede Frau kennt es: Pfiffe, anzügliche Kommentare, aufdringliche Blicke auf offener Straße. Was viele Männer als „Kompliment” verharmlosen, ist für die Betroffenen alles andere als das. Die psychischen Folgen reichen von akutem Stress bis hin zu posttraumatischen Belastungssymptomen und erhöhter Angst vor sexueller Gewalt.
Eine aktuelle Studie der Universität Salzburg (Zahn, Hutzler & Schuster, 2025) hat nun untersucht, welche Entwicklungsfaktoren dazu beitragen, dass Männer sich für dieses Verhalten entscheiden. Die Ergebnisse sind aufschlussreich – und bieten Ansätze für Prävention.
Die Zahlen sind eindeutig
Von 155 befragten Männern gaben nur 10 Prozent an, im vergangenen Jahr keine einzige Form von Straßenbelästigung begangen zu haben. Das bedeutet: 90 Prozent haben sich mindestens einmal dafür entschieden, eine ihnen unbekannte Frau im öffentlichen Raum zu belästigen.
Die häufigsten Verhaltensweisen:
- Kommentare zum Aussehen (74%)
- Sexualisierte Blicke (60%)
- Unaufgeforderte Fragen nach Telefonnummer oder Beziehungsstatus (über 40%)
15 Prozent der Männer gaben in früheren Studien explizit an, Frauen mit ihren Catcalls verärgern oder demütigen zu wollen. Das ist keine Fehlinterpretation – das ist Absicht.
Was die Studie zeigt: Bindung, Empathiemangel und die Entscheidung zu belästigen
Die Salzburger Forschenden untersuchten den Zusammenhang zwischen Bindungserfahrungen in der Kindheit, sogenannten Callous-Unemotional Traits (CU-Traits) – also Gefühlskälte und Empathiemangel – und späterem Catcalling-Verhalten.
Die zentralen Ergebnisse:
Positive Bindungserfahrungen mit der Mutter in den ersten 16 Lebensjahren gehen mit geringeren CU-Traits einher. Weniger Gefühlskälte bedeutet weniger Straßenbelästigung.
Negative Bindungserfahrungen mit dem Vater – geprägt von Ablehnung und Kontrolle – stehen in direktem Zusammenhang mit Catcalling. Dieser Effekt läuft nicht über mangelnde Empathie, sondern ist unmittelbar.
Was das für Prävention bedeutet
Die Studie liefert wichtige Hinweise für präventive Arbeit:
1. Frühe Bindungsqualität zählt. Wer als Kind Fürsorge und Autonomie erfährt, entwickelt mit höherer Wahrscheinlichkeit Empathie – und entscheidet sich seltener dafür, andere zu belästigen.
2. Väterliches Verhalten prägt. Ablehnung und Kontrolle durch den Vater können ein ungünstiges Modell für den Umgang mit Frauen vermitteln.
3. CU-Traits sind keine Entschuldigung. Auch Menschen mit geringerer Empathiefähigkeit treffen bewusste Entscheidungen. Die Studie erklärt Risikofaktoren – sie entlastet niemanden von der Verantwortung.
Die bewusste Entscheidung bleibt
Entwicklungspsychologische Faktoren erhöhen das Risiko für bestimmte Verhaltensweisen. Sie determinieren sie nicht. Wer einer Frau auf der Straße hinterherpfeift, wer anzügliche Kommentare macht, wer sich einer Fremden aufdrängt – der trifft in diesem Moment eine Entscheidung.
Diese Entscheidung ist nicht unvermeidlich. Sie ist nicht genetisch programmiert. Sie ist nicht das automatische Ergebnis einer schwierigen Kindheit.
Sie ist eine Wahl. Und jeder, der sie trifft, trägt die Verantwortung dafür.
Quelle: Zahn, A., Hutzler, F., & Schuster, S. (2025). Did Your Mum Not Hug You Enough? The Effects of Attachment Experience and Callous-Unemotional Traits on Catcalling Behavior in Men. Violence Against Women, 1 – 18. https://doi.org/10.1177/10778012251362216