Ein neu­es Feind­bild macht die Run­de: NGOs und Ver­ei­ne sei­en “lin­ke Lob­by­grup­pen”, die mit Steu­er­geld den Staat bekämp­fen. Zeit für eine Klar­stel­lung.

Der Vor­wurf

“Mit Steu­er­mit­teln gegen den Staat agi­tie­ren” – so lau­tet der Vor­wurf, der der­zeit gegen zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen erho­ben wird. Die CSU for­der­te im Wahl­pro­gramm, alle NGO-För­de­run­gen auf den Prüf­stand zu stel­len. Die CDU/C­SU-Bun­des­tags­frak­ti­on unter­stell­te Pro­tes­tie­ren­den “geziel­te par­tei­po­li­ti­sche Ein­fluss­nah­me”. Das Nar­ra­tiv ist sim­pel: NGOs sei­en vom Staat gekauf­te Hand­lan­ger, die trotz­dem gegen ihn arbei­ten. Ein Wider­spruch? Nur auf den ers­ten Blick.

Die Rea­li­tät

Tat­säch­lich ist es genau umge­kehrt: Der Staat nutzt För­der­pro­gram­me oft, um zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen für sei­ne Zwe­cke ein­zu­span­nen. Die Regeln für För­de­run­gen wer­den aus­schließ­lich von Poli­tik und Ver­wal­tung bestimmt. NGOs müs­sen sich fügen oder auf Gel­der ver­zich­ten.

Wer schon mal einen För­der­an­trag gestellt hat, kennt die büro­kra­ti­sche Gän­ge­lung. Von “frei­er Hand” kann kei­ne Rede sein. Trotz­dem wird den Emp­fän­gern vor­ge­wor­fen, sie wür­den För­der­mit­tel miss­brau­chen. Das ist, als wür­de man dem Hams­ter im Lauf­rad vor­wer­fen, er bewe­ge sich zu schnell.

War­um gera­de jetzt?

Der Angriff auf die Zivil­ge­sell­schaft ist kein Zufall. Er trifft vor allem Orga­ni­sa­tio­nen, die:

  • Miss­stän­de auf­de­cken
  • Für Men­schen­rech­te ein­tre­ten
  • Kli­ma­schutz for­dern
  • Sozia­le Gerech­tig­keit ein­for­dern
  • Die Poli­tik kri­tisch beglei­ten

Die­se Wäch­ter­rol­le ist unbe­quem. Par­tei­en wol­len nicht über­wacht wer­den – sie wol­len selbst die Wäch­ter sein. Doch genau die­se Kon­troll­funk­ti­on macht die Zivil­ge­sell­schaft unver­zicht­bar für die Demo­kra­tie.

Wer ist betrof­fen?

In Deutsch­land gibt es rund 700.000 zivil­ge­sell­schaft­li­che Orga­ni­sa­tio­nen. Die meis­ten finan­zie­ren sich durch Mit­glieds­bei­trä­ge, Spen­den oder Stif­tungs­er­trä­ge. Nur ein klei­ner Teil erhält staat­li­che För­de­run­gen.

Doch der Gene­ral­an­griff trifft alle. Wenn heu­te poli­tisch akti­ve NGOs dis­kre­di­tiert wer­den, kön­nen mor­gen Sport­ver­ei­ne, Kul­tur­in­itia­ti­ven oder Wohl­fahrts­ver­bän­de dran sein. Die Angrif­fe fol­gen einem inter­na­tio­na­len Mus­ter – von Ungarn über Russ­land bis in die USA wer­den zivil­ge­sell­schaft­li­che Akteu­re als “aus­län­di­sche Agen­ten” oder “woke” dif­fa­miert.

Was bedeu­tet eigent­lich Gemein­nüt­zig­keit?

Das Steu­er­recht defi­niert es klar: Gemein­nüt­zig ist, wer “die All­ge­mein­heit auf sitt­li­chem Gebiet selbst­los för­dert”. Das meint heu­te: demo­kra­ti­sche Wer­te hoch­hal­ten, Grund­rech­te ver­tei­di­gen, gesell­schaft­li­chen Zusam­men­halt stär­ken.

Gemein­nüt­zig­keit heißt nicht, dem Staat nach dem Mund zu reden. Im Gegen­teil: Eine leben­di­ge Demo­kra­tie braucht kri­ti­sche Stim­men, die Miss­stän­de benen­nen und Alter­na­ti­ven auf­zei­gen.

Was kön­nen wir tun?

Die Zivil­ge­sell­schaft muss sich gemein­sam zur Wehr set­zen:

1. Unab­hän­gig­keit stär­ken
Weni­ger Abhän­gig­keit von staat­li­chen Gel­dern bedeu­tet mehr Frei­heit. Ein Mix aus ver­schie­de­nen Finan­zie­rungs­quel­len macht unerpress­bar.

2. Soli­da­ri­tät zei­gen
Wenn eine Orga­ni­sa­ti­on ange­grif­fen wird, müs­sen alle zusam­men­ste­hen. Die Angrif­fe gel­ten der gesam­ten Zivil­ge­sell­schaft.

3. Trans­pa­renz leben
Frei­wil­li­ge Trans­pa­renz ent­zieht Kri­ti­kern die Grund­la­ge. Zei­gen wir, wofür wir ste­hen und wie wir arbei­ten.

4. Reform ein­for­dern
Das Gemein­nüt­zig­keits­recht stammt aus vor­de­mo­kra­ti­schen Zei­ten. Es braucht drin­gend eine Moder­ni­sie­rung, die zivil­ge­sell­schaft­li­ches Enga­ge­ment stärkt statt behin­dert.

5. Öffent­lich­keit her­stel­len
Die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger müs­sen ver­ste­hen, war­um eine star­ke Zivil­ge­sell­schaft wich­tig ist. Nicht unse­re eige­nen Nöte, son­dern unse­re The­men gehö­ren in den Mit­tel­punkt.

Kla­re Regeln für alle

Ja, es braucht Spiel­re­geln:

  • Kei­ne direk­te Par­tei­en­wer­bung mit För­der­mit­teln
  • Kei­ne Orga­ni­sa­ti­on von Pro­tes­ten mit zweck­ge­bun­de­nen staat­li­chen Gel­dern
  • Aber auch: Kei­ne “Neu­tra­li­täts­pflicht”, die kri­ti­sche Stim­men mund­tot macht

Fazit

Die Demo­kra­tie braucht eine star­ke, unab­hän­gi­ge Zivil­ge­sell­schaft. Gera­de in Kri­sen­zei­ten ist ihre “soft power” unver­zicht­bar – als Ver­mitt­le­rin, Mah­ne­rin und Gestal­te­rin gesell­schaft­li­chen Wan­dels.

Wer die Zivil­ge­sell­schaft schwächt, schwächt die Demo­kra­tie. Des­halb müs­sen wir uns weh­ren – gemein­sam, ent­schlos­sen und mit lan­gem Atem. Denn ohne uns wird es still in der Demo­kra­tie.


Die­ser Bei­trag basiert auf dem Poli­cy Paper “Mit Steu­er­mit­teln gegen den Staat agi­tie­ren?” von Rupert Graf Strach­witz (Mae­ce­na­ta Insti­tut, Juni 2025)