Die Ham­bur­ger Künst­le­rin Katha­ri­na Kohl zeigt bis zum 25. Janu­ar 2026 im Kunst­haus Ham­burg ihre Instal­la­ti­on ROSWITHA – eine ein­dring­li­che Aus­ein­an­der­set­zung mit patri­ar­cha­ler Gewalt, Femi­zi­den und weib­li­cher Soli­da­ri­tät.


In ihrer mehr­tei­li­gen Arbeit ROSWITHA ver­han­delt die Künst­le­rin Katha­ri­na Kohl Fra­gen rund um patri­ar­cha­le Gewalt, Aus­beu­tung, Soli­da­ri­tät und Wider­stand. Die Instal­la­ti­on ent­stand im Rah­men des Ham­bur­ger Arbeits­sti­pen­di­ums für bil­den­de Kunst 2025 und ist Teil der Aus­stel­lung „Future Con­ti­nuous” im Kunst­haus Ham­burg.

Das Unsicht­ba­re sicht­bar machen
Das zen­tra­le Ele­ment der Instal­la­ti­on bil­det eine Wand­ar­beit aus hauch­dün­nen, abge­lös­ten Kaschie­run­gen von Akten­ord­nern. Jede die­ser fra­gi­len, dun­kel mar­mo­rier­ten Ober­flä­chen steht für einen Men­schen – für eine Frau, die 2025 in Deutsch­land durch einen Femi­zid ihr Leben ver­lo­ren hat. Dar­über hän­gen klei­ne Schil­der mit nüch­ter­nen Anga­ben: Datum, Ort, Alter. Mehr nicht. Kei­ne Namen. Kei­ne Geschich­ten. Nur die nack­te, erschre­cken­de Doku­men­ta­ti­on.

Die­se redu­zier­te Form ist kein Zufall. Die Akten­ord­ner-Frag­men­te ver­bin­den das Pri­va­te mit dem Poli­ti­schen, das Büro­kra­ti­sche mit dem zutiefst Mensch­li­chen. Sie erin­nern an Ver­wal­tungs­ak­te, an Fäl­le, die in Sta­tis­ti­ken ver­schwin­den – und machen gleich­zei­tig die Dimen­si­on des Ver­sa­gens sicht­bar: gesell­schaft­lich, insti­tu­tio­nell, poli­tisch.

Die Zah­len hin­ter den Klemm­bret­tern
Die Recher­che für die­se Arbeit ver­dankt Kohl der Initia­ti­ve @Femizide_stoppen, die seit 2021 Femi­zi­de in Deutsch­land doku­men­tiert. Allein von Janu­ar bis Mai 2025 zähl­ten die Akti­vis­tin­nen 37 Fäl­le. Das Bun­des­kri­mi­nal­amt regis­trier­te 2023 ins­ge­samt 360 voll­ende­te Tötungs­de­lik­te an Frau­en – fast jeden Tag eine. Bei mehr als der Hälf­te war der Gewalt­aus­üben­de der Part­ner oder Ex-Part­ner.

Die­se Zah­len zei­gen: Femi­zi­de sind kei­ne Ein­zel­fäl­le. Sie sind Aus­druck eines Sys­tems, das die bewuss­te Ent­schei­dung zur Gewalt ermög­licht und zu sel­ten ver­hin­dert.

Tamar: Die bibli­sche Dimen­si­on
Neben der Doku­men­ta­ti­on der aktu­el­len Femi­zi­de ent­hält ROSWITHA zwei wei­te­re Ele­men­te, die die Arbeit in grö­ße­re Zusam­men­hän­ge stel­len:

„Lui­se Frie­de­ri­ke” ist ein his­to­ri­sches Klei­dungs­stück aus Lei­nen von etwa 1915 – ein hel­les Gewand, das still neben der dunk­len Wand der Akten­ord­ner-Frag­men­te hängt. Es steht für die Kon­ti­nui­tät: Gewalt gegen Frau­en ist kein Phä­no­men der Gegen­wart.

„Tamars Zorn” (2. Samu­el 13, 19, AT) greift einen der ältes­ten über­lie­fer­ten Berich­te sexua­li­sier­ter Gewalt auf. Die bibli­sche Tamar, Toch­ter König Davids, wur­de von ihrem Halb­bru­der Amnon ver­ge­wal­tigt. Nach der Tat zer­riss sie ihr Kleid – ein Akt des sicht­ba­ren Pro­tests, der Trau­er, des Zorns. In Kohls Per­for­mance-Doku­men­ta­ti­on wer­den rote Klei­der zer­ris­sen, auf­ge­häuft, als stum­mer Aus­druck des­sen, was Wor­te nicht fas­sen kön­nen.

Die Hau­fen roter Stof­fe, die Kohl zeigt, sind wie geron­ne­ner Zorn – eine visu­el­le Ankla­ge, die über Jahr­tau­sen­de hin­weg reicht.

Work in Pro­gress
Kohl bezeich­net ihre Arbeit als „Work in Pro­gress”. Die Wand der Femi­zi­de wächst, solan­ge Frau­en ster­ben. Das ist kei­ne künst­le­ri­sche Ges­te – das ist bit­te­re Rea­li­tät.

Alle Bestand­tei­le der Instal­la­ti­on wur­den aus recy­cel­tem Mate­ri­al her­ge­stellt. Die Fra­gi­li­tät der Mate­ria­li­en spie­gelt die Ver­letz­lich­keit der Betrof­fe­nen, aber auch die Brü­chig­keit eines Sys­tems, das Schutz ver­spricht und zu oft ver­sagt.


Aus­stel­lungs­da­ten

Future Con­ti­nuous – Ham­bur­ger Arbeits­sti­pen­di­um für bil­den­de Kunst 2025

📍 Kunst­haus Ham­burg, Klos­ter­wall 13, 20095 Ham­burg
📅 6. Dezem­ber 2025 bis 25. Janu­ar 2026

Füh­run­gen:

  • 18. Dezem­ber 2025, 18 Uhr
    1. Janu­ar 2026, 15 Uhr

Über die Künst­le­rin

Katha­ri­na Kohl (*1956, Treysa/​Hessen) lebt und arbei­tet in Ham­burg. Nach ihrem Stu­di­um an der Hoch­schu­le für Bil­den­de Küns­te Ham­burg (1978 – 1984) hat sie sich inten­siv mit dem zeit­ge­nös­si­schen Por­trait aus­ein­an­der­ge­setzt. Bekannt wur­de sie durch ihr Pro­jekt „Per­so­nal­be­fra­gung /​Inne­re Sicher­heit”, in dem sie sich künst­le­risch mit dem NSU-Kom­plex beschäf­tig­te. Kohls Arbei­ten ver­bin­den Male­rei, Video und poli­ti­sche Recher­che – sie nutzt Kunst als Werk­zeug, um Struk­tu­ren sicht­bar zu machen und Fra­gen zu stel­len, die sonst unge­stellt blei­ben.

Mehr: www.katharinakohl.de | @katharina_​kohl


Die Arbeit ROSWITHA macht deut­lich, was abs­trak­te Sta­tis­ti­ken ver­schlei­ern: Hin­ter jeder Zahl steht ein Mensch. Hin­ter jedem Akten­ord­ner-Frag­ment eine Geschich­te, die nicht erzählt wer­den konn­te. Und hin­ter der Ent­schei­dung zur Gewalt – immer eine bewuss­te Ent­schei­dung.