WDR-Recher­chen zei­gen ein struk­tu­rel­les Ver­sa­gen: Fami­li­en­ge­rich­te igno­rie­ren häus­li­che Gewalt bei Sor­ge­rechts­ver­fah­ren – und ermög­li­chen so fort­ge­setz­te Kon­trol­le und Bedro­hung.

Ein Mann ent­schei­det sich jah­re­lang für Gewalt gegen sei­ne Part­ne­rin. Trit­te in den Bauch wäh­rend der Schwan­ger­schaft, Schlä­ge, Biss­wun­den, ver­such­te Ver­ge­wal­ti­gung vor den Augen des gemein­sa­men Kin­des, Dro­hun­gen zu töten. Er wird ver­ur­teilt – wegen Kör­per­ver­let­zung, Nöti­gung, spä­ter wegen Ver­ge­wal­ti­gung. Die Bewei­se sind doku­men­tiert: ärzt­li­che Attes­te, Fotos, Zeu­gen­aus­sa­gen.

Und trotz­dem: Das Fami­li­en­ge­richt ord­net regel­mä­ßi­gen Umgang mit dem Kind an. Die Frau muss bei gemein­sa­men Ter­mi­nen neben ihm sit­zen. Sie braucht sei­ne Unter­schrift für die Schul­an­mel­dung des Soh­nes.

Gewalt ist kein Bezie­hungs­kon­flikt
Was der WDR in sei­ner Recher­che für das Maga­zin West­pol doku­men­tiert, ist kein Ein­zel­fall. Es ist ein Mus­ter. Fami­li­en­ge­rich­te behan­deln häus­li­che Gewalt wie einen “Bezie­hungs­kon­flikt”, der sich durch Media­ti­on lösen lässt. Sie drän­gen auf Eini­gung zwi­schen einer Frau und dem Mann, der sich wie­der­holt ent­schie­den hat, sie zu ver­let­zen und zu bedro­hen. Die Rich­te­rin im beschrie­be­nen Fall soll gesagt haben, die Ver­ur­tei­lung sei ja “län­ge­re Zeit her”. Als wäre eine bewuss­te Ent­schei­dung zur Gewalt ein Ver­falls­da­tum.

Das struk­tu­rel­le Pro­blem
Gud­run Lies-Benach­ib, Fami­li­en­rich­te­rin am Ober­lan­des­ge­richt Frank­furt, benennt es klar: “Wir haben ein struk­tu­rel­les Pro­blem.” Die Ver­fah­rens­re­geln sind für den “Nor­mal­fall” gemacht – Eltern, die sich tren­nen und schnell eine Umgangs­re­ge­lung brau­chen. Vier Stun­den Arbeits­zeit pro Fall. Ers­ter Ter­min inner­halb von vier Wochen. “Aber Gewalt­vor­wür­fe sind eben nicht der Nor­mal­fall”, sagt Lies-Benach­ib.

Die Istan­bul-Kon­ven­ti­on, seit Jah­ren gel­ten­des Recht in Deutsch­land, schreibt vor: Fami­li­en­ge­rich­te müs­sen häus­li­che Gewalt bei Sor­ge­rechts­ver­fah­ren berück­sich­ti­gen. Arti­kel 31 ist ein­deu­tig. Nur: In deut­sches Sozi­al­recht über­tra­gen wur­de das bis heu­te nicht. Das Bun­des­jus­tiz­mi­nis­te­ri­um plant einen Gesetz­ent­wurf – für Anfang 2026.

Was das für die Prä­ven­ti­on bedeu­tet
Aus Sicht der Gewalt­prä­ven­ti­on zeigt die­ser Fall ein fun­da­men­ta­les Pro­blem: Men­schen, die sich für Gewalt ent­schei­den, erle­ben kei­ne Kon­se­quen­zen, die ihre Kon­trol­le über die betrof­fe­ne Per­son been­den. Im Gegen­teil: Das Fami­li­en­recht wird zum Instru­ment, um Zugang und Ein­fluss auf­recht­zu­er­hal­ten.

Der Lei­ter der Kin­der­schutz­am­bu­lanz Neuss, Mike Claus­jür­gens, macht deut­lich: Kin­der sind bereits gefähr­det, wenn sie Gewalt mit­er­le­ben. “Allein die Zeu­gen­schaft reicht.” Zahl­rei­che Stu­di­en bele­gen das.

Wenn Gerich­te den­noch Umgang anord­nen – mit einem Mann, der vor den Augen sei­nes Soh­nes sei­ne Mut­ter ange­grif­fen hat –, dann igno­rie­ren sie nicht nur die Gefähr­dung. Sie signa­li­sie­ren: Die bewuss­te Ent­schei­dung zur Gewalt hat kei­ne nach­hal­ti­gen Fol­gen für dein Leben.

Was sich ändern muss
NRW-Jus­tiz­mi­nis­ter Ben­ja­min Lim­bach hat ein Gesetz für bes­se­ren Gewalt­schutz auf den Weg gebracht. Fami­li­en­ge­rich­te sol­len ein­fa­cher Fuß­fes­seln anord­nen kön­nen. Fort­bil­dun­gen zur Istan­bul-Kon­ven­ti­on wer­den bewor­ben – aber nicht ver­pflich­tend.

Das reicht nicht.

Wer sich für Gewalt ent­schei­det, trifft eine bewuss­te Wahl. Die­se Ent­schei­dung muss Kon­se­quen­zen haben – auch im Fami­li­en­recht. Solan­ge Gerich­te häus­li­che Gewalt als Rand­no­tiz behan­deln, ermög­li­chen sie, dass die Kon­trol­le wei­ter­geht. Mit rich­ter­li­chem Segen.

Quel­le: WDR West­pol, 30.11.2025 – “Sor­ge­recht und Gewalt­schutz”
https://www1.wdr.de/fernsehen/westpol/videos/sorgerecht-und-gewaltschutz-100.html