Pädokriminell ist nicht pädophil

Warum Pädokriminalität, Pädosexualität und Pädophilie nicht dasselbe sind

Wenn in Nachrichten und Talkshows über sexualisierte Gewalt an Kindern gesprochen wird, fällt fast immer dasselbe Wort: pädophil. Der Eindruck, der dabei entsteht, ist falsch. Er suggeriert, dass jede pädokriminelle Person eine sexuelle Fixierung auf Kinder habe. In den seltensten Fällen ist das so.

Diese Verwechslung ist kein sprachliches Detail. Sie verändert, wonach Eltern, Lehrkräfte, Sozialarbeitende und Nachbarn Ausschau halten. Sie lenkt den Blick auf das vermeintlich Auffällige und weg von den Orten, an denen sexualisierte Gewalt an Kindern tatsächlich geschieht.

Drei Begriffe, drei Bedeutungen

ist ein juristisch-kriminologischer Begriff. Er beschreibt die Begehung von Sexualstraftaten an Kindern. Pädokriminell ist jede Person, die solche Taten verübt. Über deren Motivation sagt der Begriff nichts aus. Pädokriminelle Männer und Frauen kommen aus allen sozialen Schichten, sind heterosexuell oder homosexuell und unterscheiden sich durch kein äußeres Merkmal von Personen, die keine sexualisierte Gewalt an Kindern verüben. Was sie verbindet, ist die Ausnutzung von Macht und Überlegenheit gegenüber einem Kind.

beschreibt das sexuelle Handeln Erwachsener an, vor und mit Kindern. Der Begriff zielt auf die Tat, nicht auf eine innere Veranlagung. Juristisch handelt es sich um eine Straftat nach §176 StGB, dort weiterhin unter dem Eigennamen „sexueller Missbrauch von Kindern” geführt.

ist eine medizinische Diagnose. In der ICD-10 ist sie unter F65.4 geführt, in der ICD-11 als paraphile Störung (6D32). Sie beschreibt eine überdauernde sexuelle Präferenz für vorpubertäre Kinder, also ein inneres Empfinden, kein Verhalten. Pädophil zu empfinden ist nicht strafbar. Strafbar wird, wer dieses Empfinden in eine Handlung an einem Kind umsetzt.

Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch (UBSKM) empfiehlt, in der öffentlichen Berichterstattung den Begriff Pädosexualität anstelle von Pädophilie zu verwenden. Pädophilie heißt wörtlich übersetzt „Kinderliebe”. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern sind aber niemals Liebe. Sie sind sexualisierte Gewalt.

Macht ist das Motiv, nicht Sexualität

Schätzungen aus der Sexualmedizin der Berliner Charité gehen von rund 300.000 pädophil orientierten Männern in Deutschland aus. Diese Zahl beschreibt eine sexuelle Präferenz, kein Verhalten. Der Großteil dieser Männer begeht keine Straftaten. Manche von ihnen wenden sich an Präventionsprogramme wie „Kein Täter werden”.

Umgekehrt zeigt die forensische Forschung: Der überwiegende Teil derjenigen, die sexualisierte Gewalt an Kindern verüben, weist keine pädophile Sexualpräferenz auf. Sie tun es, weil sie es können. Weil sie Zugang haben. Weil sie Vertrauen ausnutzen. Weil sie Macht und Kontrolle ausüben wollen, die ihnen an anderen Stellen ihres Lebens versagt bleibt. Manche suchen Nähe und Anerkennung. Bei kommerzieller Ausbeutung kommt das wirtschaftliche Motiv hinzu.

Das hat eine unbequeme Konsequenz: Der nette Familienvater, die zugewandte Lehrerin, der hilfsbereite Trainer, die fürsorgliche Mutter, der verwitwete Nachbar, sie alle können pädokriminell handeln. Ohne pädophil zu sein. Ohne dass etwas an ihnen auffällig wäre.

Homosexualität ist kein Risikofaktor

Ein zweites Vorurteil hält sich hartnäckig: die Vorstellung, homosexuelle Männer oder Frauen seien häufiger pädokriminell als heterosexuelle. Dafür gibt es keine empirische Grundlage. Forensische und sexualwissenschaftliche Studien zeigen seit den 1970er Jahren konsistent, dass die sexuelle Orientierung gegenüber Erwachsenen und das sexuelle Interesse an Kindern voneinander unabhängig sind. Der weit überwiegende Teil dokumentierter pädokrimineller Taten geht auf Personen zurück, die in ihrem Erwachsenenleben heterosexuelle Beziehungen führen. Wer Homosexualität mit pädokrimineller Gefährdung verknüpft, verbreitet ein Vorurteil, keine Aufklärung. Für den Schutz von Kindern ist eine solche Verknüpfung kontraproduktiv: Sie lenkt den Blick auf eine Gruppe, von der statistisch keine erhöhte Gefahr ausgeht.

Sprache verändert Wahrnehmung

Wer in der Berichterstattung pauschal von „Pädophilen” spricht, baut ein Bild. Ein Bild von einem Anderen, einem Kranken, einem Erkennbaren. Dieses Bild ist nicht nur ungenau. Es ist gefährlich. Es verleitet dazu, sexualisierte Gewalt dort zu suchen, wo sie stereotyp vermutet wird, und sie dort zu übersehen, wo sie tatsächlich viel häufiger geschieht: im sozialen Nahbereich, in Familien, in Vereinen, in Schulen, in Einrichtungen.

Die saubere Trennung der Begriffe leistet dreierlei. Sie macht sexualisierte Gewalt sichtbarer, weil sie das Stereotyp aushebelt. Sie entlastet pädophil empfindende Personen, die keine Straftaten begehen und teils selbst um Hilfe bitten. Und sie nimmt pädokriminelle Personen in die Verantwortung, die ihnen zukommt: Eine Tat ist eine Entscheidung, keine Diagnose.

Wie IZOG spricht und warum

Für IZOG steht die Verantwortung gewaltausübender Personen im Zentrum. Das gilt für Partnerschaftsgewalt, für sexualisierte Gewalt, für Gewalt gegen Kinder. Sprache ist dabei kein Schmuck, sondern Werkzeug. Wer Pädokriminalität als Pädophilie bezeichnet, schiebt die Verantwortung in eine medizinische Kategorie. Wer von „Kinderpornografie” spricht, suggeriert ein Genre. Tatsächlich sind es Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern, Dokumente realer Straftaten an realen Kindern.

Auch der Begriff „Missbrauch” trägt eine sprachliche Schieflage. Er führt das Wort „Gebrauch” mit sich und unterstellt damit, es gäbe einen rechten Gebrauch von Kindern, von dem ein falscher abzugrenzen wäre. Den gibt es nicht. Wir bevorzugen deshalb, wo immer möglich, den Begriff „sexualisierte Gewalt an Kindern”.

In eigenen Texten und in der Begleitung von Medienanfragen verwenden wir entsprechend:

  • Pädokriminalität für die Tat und die handelnde Person
  • Pädosexualität für die sexuelle Handlung an Kindern
  • Pädophilie nur dort, wo die Diagnose im klinischen Sinn gemeint ist
  • Sexualisierte Gewalt an Kindern statt „Missbrauch”
  • Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern statt „Kinderpornografie”
  • Betroffene statt „Opfer”
  • Gewaltausübende Personen statt „Täter”

Quellen und weiterführende Informationen