Pädokriminell ist nicht pädophil
Warum Pädokriminalität, Pädosexualität und Pädophilie nicht dasselbe sind
Wenn in Nachrichten und Talkshows über sexualisierte Gewalt an Kindern gesprochen wird, fällt fast immer dasselbe Wort: pädophil. Der Eindruck, der dabei entsteht, ist falsch. Er suggeriert, dass jede pädokriminelle Person eine sexuelle Fixierung auf Kinder habe. In den seltensten Fällen ist das so.
Diese Verwechslung ist kein sprachliches Detail. Sie verändert, wonach Eltern, Lehrkräfte, Sozialarbeitende und Nachbarn Ausschau halten. Sie lenkt den Blick auf das vermeintlich Auffällige und weg von den Orten, an denen sexualisierte Gewalt an Kindern tatsächlich geschieht.
Drei Begriffe, drei Bedeutungen
Die Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch (UBSKM) empfiehlt, in der öffentlichen Berichterstattung den Begriff Pädosexualität anstelle von Pädophilie zu verwenden. Pädophilie heißt wörtlich übersetzt „Kinderliebe”. Sexuelle Kontakte zwischen Erwachsenen und Kindern sind aber niemals Liebe. Sie sind sexualisierte Gewalt.
Macht ist das Motiv, nicht Sexualität
Schätzungen aus der Sexualmedizin der Berliner Charité gehen von rund 300.000 pädophil orientierten Männern in Deutschland aus. Diese Zahl beschreibt eine sexuelle Präferenz, kein Verhalten. Der Großteil dieser Männer begeht keine Straftaten. Manche von ihnen wenden sich an Präventionsprogramme wie „Kein Täter werden”.
Umgekehrt zeigt die forensische Forschung: Der überwiegende Teil derjenigen, die sexualisierte Gewalt an Kindern verüben, weist keine pädophile Sexualpräferenz auf. Sie tun es, weil sie es können. Weil sie Zugang haben. Weil sie Vertrauen ausnutzen. Weil sie Macht und Kontrolle ausüben wollen, die ihnen an anderen Stellen ihres Lebens versagt bleibt. Manche suchen Nähe und Anerkennung. Bei kommerzieller Ausbeutung kommt das wirtschaftliche Motiv hinzu.
Das hat eine unbequeme Konsequenz: Der nette Familienvater, die zugewandte Lehrerin, der hilfsbereite Trainer, die fürsorgliche Mutter, der verwitwete Nachbar, sie alle können pädokriminell handeln. Ohne pädophil zu sein. Ohne dass etwas an ihnen auffällig wäre.
Homosexualität ist kein Risikofaktor
Ein zweites Vorurteil hält sich hartnäckig: die Vorstellung, homosexuelle Männer oder Frauen seien häufiger pädokriminell als heterosexuelle. Dafür gibt es keine empirische Grundlage. Forensische und sexualwissenschaftliche Studien zeigen seit den 1970er Jahren konsistent, dass die sexuelle Orientierung gegenüber Erwachsenen und das sexuelle Interesse an Kindern voneinander unabhängig sind. Der weit überwiegende Teil dokumentierter pädokrimineller Taten geht auf Personen zurück, die in ihrem Erwachsenenleben heterosexuelle Beziehungen führen. Wer Homosexualität mit pädokrimineller Gefährdung verknüpft, verbreitet ein Vorurteil, keine Aufklärung. Für den Schutz von Kindern ist eine solche Verknüpfung kontraproduktiv: Sie lenkt den Blick auf eine Gruppe, von der statistisch keine erhöhte Gefahr ausgeht.
Sprache verändert Wahrnehmung
Wer in der Berichterstattung pauschal von „Pädophilen” spricht, baut ein Bild. Ein Bild von einem Anderen, einem Kranken, einem Erkennbaren. Dieses Bild ist nicht nur ungenau. Es ist gefährlich. Es verleitet dazu, sexualisierte Gewalt dort zu suchen, wo sie stereotyp vermutet wird, und sie dort zu übersehen, wo sie tatsächlich viel häufiger geschieht: im sozialen Nahbereich, in Familien, in Vereinen, in Schulen, in Einrichtungen.
Die saubere Trennung der Begriffe leistet dreierlei. Sie macht sexualisierte Gewalt sichtbarer, weil sie das Stereotyp aushebelt. Sie entlastet pädophil empfindende Personen, die keine Straftaten begehen und teils selbst um Hilfe bitten. Und sie nimmt pädokriminelle Personen in die Verantwortung, die ihnen zukommt: Eine Tat ist eine Entscheidung, keine Diagnose.
Wie IZOG spricht und warum
Für IZOG steht die Verantwortung gewaltausübender Personen im Zentrum. Das gilt für Partnerschaftsgewalt, für sexualisierte Gewalt, für Gewalt gegen Kinder. Sprache ist dabei kein Schmuck, sondern Werkzeug. Wer Pädokriminalität als Pädophilie bezeichnet, schiebt die Verantwortung in eine medizinische Kategorie. Wer von „Kinderpornografie” spricht, suggeriert ein Genre. Tatsächlich sind es Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern, Dokumente realer Straftaten an realen Kindern.
Auch der Begriff „Missbrauch” trägt eine sprachliche Schieflage. Er führt das Wort „Gebrauch” mit sich und unterstellt damit, es gäbe einen rechten Gebrauch von Kindern, von dem ein falscher abzugrenzen wäre. Den gibt es nicht. Wir bevorzugen deshalb, wo immer möglich, den Begriff „sexualisierte Gewalt an Kindern”.
In eigenen Texten und in der Begleitung von Medienanfragen verwenden wir entsprechend:
- Pädokriminalität für die Tat und die handelnde Person
- Pädosexualität für die sexuelle Handlung an Kindern
- Pädophilie nur dort, wo die Diagnose im klinischen Sinn gemeint ist
- Sexualisierte Gewalt an Kindern statt „Missbrauch”
- Darstellungen sexualisierter Gewalt an Kindern statt „Kinderpornografie”
- Betroffene statt „Opfer”
- Gewaltausübende Personen statt „Täter”
Quellen und weiterführende Informationen
- Unabhängige Bundesbeauftragte gegen sexuellen Missbrauch (UBSKM): Unterscheidung der Begriffe Pädokriminalität und Pädosexualität/Pädophilie, Stand August 2025. beauftragte-missbrauch.de
- DocCheck Flexikon: Pädophilie, Pädosexuell
- socialnet Lexikon: Pädophilie, Pädosexualität
- WHO ICD-10 (F65.4) und ICD-11 (6D32)
- Hilfetelefon und Beratung: hilfe-portal-missbrauch.de, nicht-wegschieben.de
- Präventionsprojekt für pädophil empfindende Personen ohne Tatbezug: kein-taeter-werden.de
