Eine groß­an­ge­leg­te Stu­die des Kri­mi­no­lo­gi­schen Insti­tuts der Uni­ver­si­tät Tübin­gen lie­fert erst­mals sys­te­ma­ti­sche Daten zu Femi­zi­den in Deutsch­land. Die Ergeb­nis­se bestä­ti­gen, was wir seit Jah­ren in unse­rer Prä­ven­ti­ons­ar­beit beob­ach­ten: Hin­ter töd­li­cher Gewalt gegen Frau­en ste­hen kei­ne unkon­trol­lier­ba­ren Affek­te, son­dern bewuss­te Ent­schei­dun­gen von Men­schen, die ihre Part­ne­rin­nen als Besitz betrach­ten.

Die Fak­ten
Die For­schen­den ana­ly­sier­ten drei Jah­re lang 292 Fäl­le aus fünf Bun­des­län­dern. Das Ergeb­nis: 133 Fäl­le waren Femi­zi­de, 81 Pro­zent davon Tötun­gen der (Ex-) Part­ne­rin. Die Moti­ve sind erschre­ckend klar benannt – Tren­nungs­angst und Eifer­sucht. Men­schen töten, weil Frau­en die Bezie­hung been­den oder die Exklu­si­vi­tät infra­ge stel­len. Sie töten, weil Frau­en sich nicht ihrem Wil­len fügen.

Bei fast 90 Pro­zent der Part­ne­rin­nen­fe­mi­zi­de gab es bereits vor­her Gewalt in der Bezie­hung. Die Eska­la­ti­on zur Tötung ist kein plötz­li­cher Aus­bruch, son­dern das Ende einer Gewalt­spi­ra­le, die mit bewuss­ten Ent­schei­dun­gen begann und mit einer bewuss­ten Ent­schei­dung ende­te.

Kei­ne Aus­re­den
Die Stu­die lie­fert auch Daten zu Rah­men­be­din­gun­gen: 40 Pro­zent der Betrof­fe­nen stan­den wäh­rend der Tat unter Alko­hol- oder Dro­gen­ein­fluss. Men­schen aus allen Gesell­schafts­schich­ten tref­fen die­se Ent­schei­dun­gen, über­re­prä­sen­tiert sind aber sozio­öko­no­misch Benach­tei­lig­te und Men­schen mit nied­ri­ge­rem Bil­dungs­ni­veau. Bei Part­ne­rin­nen­fe­mi­zi­den hat­te nur knapp die Hälf­te der Betrof­fe­nen eine deut­sche Staats­an­ge­hö­rig­keit.

Die­se Fak­to­ren sind kei­ne Erklä­run­gen, sie sind Kon­text­in­for­ma­tio­nen. Weder Alko­hol noch sozia­le Benach­tei­li­gung noch kul­tu­rel­ler Hin­ter­grund zwin­gen jeman­den, einen ande­ren Men­schen zu töten. Die For­schen­den stel­len klar: Patri­ar­cha­le und sexis­ti­sche Vor­stel­lun­gen sind gene­rell ver­brei­tet. Wer die­se Vor­stel­lun­gen in Gewalt umsetzt, trifft eine bewuss­te Ent­schei­dung.

Prä­ven­ti­on braucht kla­re Ver­ant­wor­tung
Die Stu­die for­dert ver­schie­de­ne Maß­nah­men: Auf­klä­rung von Poli­zis­tin­nen und Poli­zis­ten, mehr Frau­en­haus­plät­ze, elek­tro­ni­sche Fuß­fes­seln, Reform des Umgangs­rechts. Alles wich­tig, alles not­wen­dig. Aber die zen­tra­le Erkennt­nis der For­schen­den ist eine ande­re: Es geht um patri­ar­cha­le Gewalt, die viel umfas­sen­der ist und viel mehr Spiel­ar­ten hat.

Genau hier setzt unse­re Arbeit bei IZOG e.V. an. Wir arbei­ten mit Men­schen, die Gewalt aus­üben oder aus­ge­übt haben. Wir kon­fron­tie­ren sie mit ihrer Ver­ant­wor­tung. Wir zei­gen ihnen, dass Gewalt kei­ne Lösung ist, son­dern eine Ent­schei­dung. Und dass sie ande­re Ent­schei­dun­gen tref­fen kön­nen.

Prä­ven­ti­on funk­tio­niert nicht über Appel­le an poten­zi­el­le Opfer. Prä­ven­ti­on funk­tio­niert, wenn Men­schen ver­ste­hen: Jede Gewalt­tat ist eine bewuss­te Ent­schei­dung. Die­se Ent­schei­dung kann ich ver­hin­dern – bei mir selbst.

Sys­te­mi­sche Ver­än­de­rung nötig
Die For­schen­den schla­gen die Ein­füh­rung eines Ger­man Homic­i­de Moni­tors vor, um Tötungs­kri­mi­na­li­tät kon­ti­nu­ier­lich zu ana­ly­sie­ren. Sie for­dern straf­recht­li­che Refor­men. Sie benen­nen die Not­wen­dig­keit, sexis­ti­sche Sozia­li­sa­ti­ons­mus­ter von Män­nern in den Blick zu neh­men.

Das sind struk­tu­rel­le For­de­run­gen. Sie sind berech­tigt. Aber struk­tu­rel­le Ver­än­de­run­gen brau­chen Zeit. Men­schen ster­ben jetzt. Des­halb braucht es par­al­lel zur Sys­tem­ver­än­de­rung die direk­te Arbeit mit den­je­ni­gen, die Gewalt aus­üben.

Wer ver­stan­den hat, dass Gewalt eine bewuss­te Ent­schei­dung ist, kann auch die bewuss­te Ent­schei­dung tref­fen, die­se Gewalt zu been­den. Dafür arbei­ten wir.

Simu­lar­chat: Der struk­tu­rel­le Gegen­ent­wurf
Die Stu­die benennt klar: Es geht um patri­ar­cha­le Gewalt. 81 Pro­zent der Femi­zi­de sind Tötun­gen der (Ex-)Partnerin, weil Men­schen nicht akzep­tie­ren kön­nen, dass Frau­en die Bezie­hung been­den oder sich nicht dem Wil­len des Man­nes fügen. Die­se Gewalt wur­zelt in einer Gesell­schafts­struk­tur, in der Macht und Ver­ant­wor­tung ungleich ver­teilt sind.

Das Simu­lar­chat bie­tet eine struk­tu­rel­le Alter­na­ti­ve. Der Begriff bezeich­net eine Gesell­schafts­form, in der alle Geschlech­ter gleich­be­rech­tigt Macht und Ver­ant­wor­tung tei­len. Nicht als uto­pi­sche Visi­on, son­dern als prak­tisch umsetz­ba­res Orga­ni­sa­ti­ons­prin­zip – in Fami­li­en, Unter­neh­men, Bil­dungs­ein­rich­tun­gen und gesell­schaft­li­chen Struk­tu­ren.

Die Kern­idee ist ein­fach: Wenn Macht gleich­be­rech­tigt geteilt wird, ent­fällt die struk­tu­rel­le Grund­la­ge für Besitz­an­sprü­che in Bezie­hun­gen. Wenn bei­de Part­ner gleich­wer­tig in Ent­schei­dun­gen ein­ge­bun­den sind, wenn bei­de beruf­lich und pri­vat Ver­ant­wor­tung tra­gen, wenn nie­mand wirt­schaft­lich oder sozi­al vom ande­ren abhän­gig ist, dann hat nie­mand die Macht­po­si­ti­on, aus der her­aus Gewalt als Kon­troll­in­stru­ment ein­ge­setzt wer­den kann.

Das bedeu­tet nicht, dass Gewalt auto­ma­tisch ver­schwin­det. Men­schen tref­fen auch in gleich­be­rech­tig­ten Struk­tu­ren bewuss­te Ent­schei­dun­gen zur Gewalt. Aber die struk­tu­rel­len Vor­aus­set­zun­gen, die Gewalt begüns­ti­gen und legi­ti­mie­ren, fal­len weg. Die Stu­die zeigt: Bei Part­ne­rin­nen­fe­mi­zi­den spie­len Tren­nungs­angst und Eifer­sucht die zen­tra­le Rol­le. Bei­des sind Reak­tio­nen auf den Ver­lust von Kon­trol­le. In simu­lar­chi­schen Bezie­hun­gen gibt es die­se Kon­trol­le nicht.

Wer ver­stan­den hat, dass Gewalt eine bewuss­te Ent­schei­dung ist, kann auch die bewuss­te Ent­schei­dung tref­fen, die­se Gewalt zu been­den. Wer ver­stan­den hat, dass patri­ar­cha­le Struk­tu­ren den Nähr­bo­den für die­se Gewalt schaf­fen, kann die bewuss­te Ent­schei­dung tref­fen, simu­lar­chi­sche Alter­na­ti­ven zu leben. Dafür arbei­ten wir.

Über die Stu­die: Das Kri­mi­no­lo­gi­sche Insti­tut der Uni­ver­si­tät Tübin­gen hat in Koope­ra­ti­on mit dem Kri­mi­no­lo­gi­schen For­schungs­in­sti­tut Nie­der­sach­sen erst­mals in Deutsch­land Femi­zi­de sys­te­ma­tisch unter­sucht. Die Stu­die ana­ly­sier­te 292 Fäl­le aus dem Jahr 2017 in fünf Bun­des­län­dern.