Am 10. Febru­ar 2026 haben das Bun­des­frau­en­mi­nis­te­ri­um und das Bun­des­kri­mi­nal­amt die Ergeb­nis­se der Dun­kel­feld­stu­die „Lebens­si­tua­ti­on, Sicher­heit und Belas­tung im All­tag” (LeSuBiA) ver­öf­fent­licht – die ers­te umfas­sen­de geschlech­ter­über­grei­fen­de Befra­gung zu Gewalt­er­fah­run­gen in Deutsch­land. 15.000 Men­schen zwi­schen 16 und 85 Jah­ren wur­den befragt. Die Ergeb­nis­se sind erschüt­ternd. Und sie sind kei­ne Über­ra­schung.

Das Dun­kel­feld ist rie­sig – und es hat Sys­tem
Die Anzei­ge­quo­ten lie­gen bei den meis­ten Gewalt­for­men unter zehn Pro­zent. Bei psy­chi­scher und kör­per­li­cher Gewalt in Part­ner­schaf­ten sogar unter fünf Pro­zent. Das bedeu­tet: 19 von 20 Taten wer­den nie sicht­bar. Nicht für die Poli­zei, nicht für Bera­tungs­stel­len, nicht für das sozia­le Umfeld.

Fast jede sechs­te Per­son erlebt kör­per­li­che Gewalt in der Part­ner­schaft. Jede zwei­te jun­ge Per­son hat häus­li­che Gewalt erfah­ren. Frau­en, jun­ge Men­schen, Per­so­nen mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund und Ange­hö­ri­ge der LSBTIQ*-Community sind beson­ders stark betrof­fen.

Die Zah­len im Detail: Gewalt durch­zieht alle Lebens­be­rei­che
Psy­chi­sche Gewalt in (Ex-)Partnerschaften betrifft knapp die Hälf­te aller Frau­en (48,7 Pro­zent) und 40 Pro­zent der Män­ner min­des­tens ein­mal im Leben. Emo­tio­na­le Gewalt macht mit 37,8 Pro­zent den größ­ten Anteil aus. Bemer­kens­wert: Betrach­tet man die letz­ten fünf Jah­re, sind Män­ner (23,3 Pro­zent) und Frau­en (23,8 Pro­zent) nahe­zu gleich häu­fig betrof­fen. Bei kon­trol­lie­ren­der Gewalt lie­gen Män­ner mit 8,7 Pro­zent sogar leicht über dem Wert der Frau­en (7,1 Pro­zent). Gewalt in Bezie­hun­gen ist kein Geschlech­ter­mo­no­pol – sie betrifft alle.

Kör­per­li­che Gewalt in (Ex-)Partnerschaften haben 16,1 Pro­zent der Befrag­ten im Lau­fe ihres Lebens erfah­ren, 5,7 Pro­zent inner­halb der letz­ten fünf Jah­re. Auch hier zeigt der Fünf-Jah­res-Ver­gleich ein fast aus­ge­gli­che­nes Bild: 6,1 Pro­zent der Män­ner und 5,2 Pro­zent der Frau­en waren betrof­fen.

Sexu­el­le Beläs­ti­gung hat fast jede zwei­te Per­son (45,8 Pro­zent) bereits erlebt. Über ein Drit­tel der Frau­en (34,7 Pro­zent) und etwa jeder sieb­te Mann (14,5 Pro­zent) waren in den letz­ten fünf Jah­ren von sexu­el­ler Beläs­ti­gung ohne Kör­per­kon­takt betrof­fen. Bei sexu­el­ler Beläs­ti­gung mit Kör­per­kon­takt lie­gen die Wer­te bei 14,5 Pro­zent (Frau­en) und 4,6 Pro­zent (Män­ner). Die gewalt­aus­üben­den Per­so­nen sind über­wie­gend Frem­de oder flüch­tig Bekann­te.

Sexu­el­le Über­grif­fe erleb­ten mehr als zehn Pro­zent der Befrag­ten im Lau­fe ihres Lebens. Frau­en (vier Pro­zent) sind in den letz­ten fünf Jah­ren deut­lich häu­fi­ger betrof­fen als Män­ner (1,4 Pro­zent). Bei Frau­en ging die Gewalt in 46,5 Pro­zent der Fäl­le von einer ehe­ma­li­gen Part­ne­rin oder einem ehe­ma­li­gen Part­ner aus, bei Män­nern über­wie­gend von flüch­tig bekann­ten Per­so­nen (33,3 Pro­zent).

Stal­king betrifft mehr als jede fünf­te Per­son (21,2 Pro­zent) im Lebens­ver­lauf. Inner­halb der letz­ten fünf Jah­re waren 10,6 Pro­zent der Frau­en und sie­ben Pro­zent der Män­ner betrof­fen.

Digi­ta­le Gewalt erleb­ten 20 Pro­zent der Frau­en und 13,9 Pro­zent der Män­ner in den letz­ten fünf Jah­ren. Beson­ders alar­mie­rend: Über 60 Pro­zent der 16- bis 17-jäh­ri­gen Frau­en und rund 33 Pro­zent der gleich­alt­ri­gen Män­ner waren betrof­fen. Gewalt ver­la­gert sich zuneh­mend ins Digi­ta­le – und trifft dort die Jüngs­ten am här­tes­ten.

War­um die­se Stu­die uns bei IZOG bestärkt
LeSuBiA bestä­tigt, was unse­re eige­ne bun­des­wei­te Befra­gung zeigt: Gewalt pas­siert täg­lich. Direkt neben uns. Und sie wird sys­te­ma­tisch ver­schwie­gen.

Doch wir bei IZOG schau­en nicht nur auf die, denen Gewalt wider­fährt. Wir schau­en auf die, die Gewalt aus­üben. Denn jede Gewalt­tat ist eine bewuss­te Ent­schei­dung. Und genau dort – bei der Ver­ant­wor­tung der­je­ni­gen, die die­se Ent­schei­dung tref­fen – muss Prä­ven­ti­on anset­zen.

Bun­des­frau­en­mi­nis­te­rin Prien spricht zu Recht davon, dass „Schuld und Scham” bei den gewalt­aus­üben­den Per­so­nen lie­gen müs­sen, nicht bei denen, die Gewalt erle­ben. Wir gehen einen Schritt wei­ter: Schuld­zu­wei­sung allein reicht nicht. Wir brau­chen nied­rig­schwel­li­ge Ange­bo­te, die gewalt­aus­üben­de Men­schen errei­chen, bevor es zur nächs­ten Tat kommt. Wir brau­chen Prä­ven­ti­on, die beim Han­deln ansetzt – nicht erst beim Anzei­gen.

Was jetzt pas­sie­ren muss
Das geplan­te Gewalt­hil­fe­ge­setz und die elek­tro­ni­sche Fuß­fes­sel sind Schrit­te in die rich­ti­ge Rich­tung. Aber sie grei­fen erst, wenn Gewalt bereits gesche­hen ist und ange­zeigt wur­de. Bei einer Anzei­ge­quo­te von unter fünf Pro­zent in Part­ner­schaf­ten heißt das: Sie errei­chen nur einen Bruch­teil der Rea­li­tät.

Was fehlt, sind ver­pflich­ten­de Prä­ven­ti­ons­pro­gram­me, die dort anset­zen, wo Gewalt ent­steht – bei den Men­schen, die sie aus­üben. Und Struk­tu­ren, die es dem Umfeld ermög­li­chen, nicht län­ger weg­zu­schau­en.

Gewalt ist auch eine Fra­ge der Gesell­schafts­ord­nung
Die LeSuBiA-Daten zei­gen ein­mal mehr: Gewalt in Bezie­hun­gen ist kein indi­vi­du­el­les Ver­sa­gen – sie ist Aus­druck tief ver­wur­zel­ter Macht­un­gleich­ge­wich­te zwi­schen den Geschlech­tern. Solan­ge star­re Rol­len­bil­der und patri­ar­cha­le Struk­tu­ren das Zusam­men­le­ben prä­gen, wird Gewalt ein sys­te­mi­sches Pro­blem blei­ben.

Des­halb den­ken wir bei IZOG wei­ter: Mit dem Kon­zept des Simu­lar­chats set­zen wir der unglei­chen Macht­ver­tei­lung ein Modell ent­ge­gen, das auf gemein­sa­mer Ver­ant­wor­tung, gleich­be­rech­tig­ter Ent­schei­dungs­fin­dung und der Aner­ken­nung geschlecht­li­cher Viel­falt beruht. Eine Gesell­schaft, in der Macht geteilt wird, ist eine Gesell­schaft, in der Gewalt ihren Nähr­bo­den ver­liert.