Ludwigshafen zeigt, wie Prävention funktioniert – und warum Fußfesseln allein das Problem nicht lösen
Fast 10.000 Frauen wurden 2024 in Rheinland-Pfalz Opfer häuslicher Gewalt. Die gefährlichste Zone ist das eigene Zuhause. Und während Schutzräume, Beratung und Notfallpläne für Betroffene unverzichtbar sind, wird eine Frage oft ausgeblendet: Was passiert mit den Männern, die zuschlagen?
Die Beratungsstelle “Contra häusliche Gewalt” in Ludwigshafen arbeitet seit 2007 genau dort – mit Männern zwischen 20 und 60, die ihre Partnerinnen geschlagen, bedroht, misshandelt haben. Die Botschaft von Kriminologin Julia Jünemann ist klar: “Die Arbeit mit gewaltausübenden Personen ist Opferschutz.”
Was bringt ein Trainingsprogramm?
In mehrmonatigen Kursen mit 8 bis 12 Teilnehmern werden Fragen gestellt, die banal klingen – und elementar sind:
- Wie gehe ich mit Wut um?
- Wie kommuniziere ich, ohne zu eskalieren?
- Wie reagiere ich auf Konflikte, ohne zuzuschlagen?
- Wie bin ich Vater, ohne Gewalt weiterzugeben?
Die Männer lernen voneinander. Sie sollen erkennen: Sie sind nicht allein mit dem Problem. Und es gibt einen Weg raus.
Die Rückmeldungen von Frauen, deren Partner am Training teilnahmen, sind eindeutig: Die körperliche Gewalt ging zurück. Das ist kein Freispruch, keine Verharmlosung – aber ein Unterschied, der Leben schützt.
Das Problem vererbt sich
Häusliche Gewalt ist transgenerational. Jungen, die ihren Vater als gewalttätig erleben, haben ein höheres Risiko, später selbst zuzuschlagen. Deshalb fordert Jünemann Prävention schon in der Schule: “Präventionsarbeit ist das A und O.”
300 Männer haben sich 2024 allein in Ludwigshafen gemeldet. Einige kommen auf Anordnung der Staatsanwaltschaft, andere weil Polizei oder Jugendamt es nahelegen. Und dann gibt es die Selbstmelder – Männer, die von sich aus wissen: So geht es nicht weiter.
Nicht jeder wird aufgenommen. Nur wer die Tat eingesteht, zur Mitarbeit bereit ist und gruppenfähig erscheint, bekommt einen Platz. Die Wartelisten sind lang.
Fußfessel oder Prävention?
Parallel läuft die politische Debatte: Bundesjustizministerin Stefanie Hubig (SPD) will elektronische Fußfesseln nach spanischem Modell einführen. Verurteilte Personen mit Kontaktverbot tragen GPS-Sender, Betroffene bekommen einen Empfänger. Bei Annäherung schlägt das System Alarm.
Der Weiße Ring Südpfalz unterstützt das Modell: Der Schutz der Opfer müsse an erster Stelle stehen. “Contra häusliche Gewalt” ist zurückhaltender. Offene Fragen zur Umsetzung, Fehleranfälligkeit bei Zufallsbegegnungen, Stigmatisierung durch sichtbare Fußfesseln.
Julia Jünemann stellt klar: Eine Fußfessel ersetzt keine Präventionsarbeit.
Was bleibt
Opferschutz braucht beides: sofortige Intervention – und langfristige Veränderung. Schutzräume, Notfallpläne, technische Überwachung schützen akut. Aber wer Gewalt dauerhaft stoppen will, muss dort ansetzen, wo sie entsteht.
Das ist unbequem. Es bedeutet, mit Menschen zu arbeiten, die Grenzen überschritten haben. Aber es funktioniert. Und es schützt die, um die es am Ende geht: die Frauen, die Kinder, die Beziehungen.