Der Rowohlt Ver­lag woll­te mit einem Buch über “Eltern-Kind-Ent­frem­dung” ein ver­meint­li­ches Tabu bre­chen. Nach mas­si­ver Kri­tik rudert er zurück. Ein Fall, der zeigt, wie pseu­do­wis­sen­schaft­li­che Kon­zep­te den Gewalt­schutz von Frau­en und Kin­dern sys­te­ma­tisch aus­he­beln.

Wor­um es geht
Unter dem Titel “Wer­de ich mei­ne Kin­der je wie­der­se­hen?” kün­dig­te Rowohlt ein Sach­buch an, das sich wie ein Erleb­nis­be­richt einer betrof­fe­nen Mut­ter liest. Im Kern aber trans­por­tiert es das soge­nann­te “Paren­tal Ali­en­ati­on Syn­dro­me” (PAS) – ein Kon­zept, das das Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt 2023 als “fach­wis­sen­schaft­lich wider­legt” bezeich­ne­te und das die UN-Son­der­be­richt­erstat­te­rin für Gewalt gegen Frau­en als “Pseu­do­kon­zept” ein­ord­net.

Was ist PAS – und woher kommt es?
PAS wur­de vom US-Psy­cho­lo­gen Richard A. Gard­ner erfun­den. Die Grund­an­nah­me: Ein Eltern­teil – meist die Mut­ter – mani­pu­lie­re das Kind so, dass es den Umgang mit dem Vater ablehnt. Miss­brauchs­vor­wür­fe sei­en dem­nach erfun­den, um dem Vater zu scha­den.

Was dabei meist ver­schwie­gen wird: Gard­ner ver­öf­fent­lich­te auch pädo­se­xu­el­le The­sen. Er behaup­te­te, Pädo­phi­lie kön­ne “Fort­pflan­zungs­zwe­cken die­nen” und Kin­der sei­en “von Natur aus sexu­ell” und könn­ten “sexu­el­le Begeg­nun­gen initi­ie­ren, indem sie den Erwach­se­nen ver­füh­ren”. Selbst bei tat­säch­li­chem Miss­brauch sah Gard­ner das Pro­blem bei den Müt­tern – ihre “Hys­te­rie” sei das eigent­li­che Pro­blem.

Wem nützt die­ses Kon­strukt?
Der Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter Jörg Fegert, Prä­si­dent der Euro­päi­schen Fach­ge­sell­schaft der Kin­der- und Jugend­psych­ia­ter, bringt es auf den Punkt: Wenn Miss­brauchs­si­tua­tio­nen auto­ma­tisch als Streit­mit­tel der Mut­ter dar­ge­stellt wer­den und die rea­le Gefähr­dung des Kin­des nicht mehr geprüft wird, “dann ist es natür­lich auch eine idea­le Stra­te­gie, wenn man sexu­el­len Miss­brauch fort­set­zen möch­te.”

PAS kommt drei Grup­pen zugu­te: Erz­kon­ser­va­ti­ven, radi­ka­len Väter­recht­lern – und Men­schen, die Kin­der miss­brau­chen.

Das PAS-Kon­zept wird seit Jahr­zehn­ten von Men­schen genutzt, die häus­li­che Gewalt aus­ge­übt haben, um wei­ter­hin Zugang zu den Betrof­fe­nen zu erhal­ten. Die Logik: Nicht die Gewalt ist das Pro­blem, son­dern die angeb­li­che “Mani­pu­la­ti­on” durch den schüt­zen­den Eltern­teil.

Genau hier liegt der Kern des Pro­blems: Ver­ant­wor­tung wird ver­scho­ben. Statt das eige­ne Ver­hal­ten zu reflek­tie­ren, wird ein Nar­ra­tiv eta­bliert, in dem die Gewalt­aus­üben­den zur Opfer­rol­le wech­seln – und die tat­säch­lich Betrof­fe­nen zu ver­meint­li­chen Mani­pu­la­to­ren.

Inter­na­tio­na­le Dimen­si­on
Die ita­lie­ni­sche Inves­ti­ga­ti­v­jour­na­lis­tin Lui­sa Bet­ti Dak­li recher­chiert seit 15 Jah­ren zu PAS und hat Ver­bin­dun­gen radi­ka­ler Väter­recht­ler zu rechts­na­tio­na­len Netz­wer­ken auf­ge­deckt – von der ita­lie­ni­schen Lega Nord über die USA bis nach Mos­kau. Das gemein­sa­me Ziel: die Wie­der­her­stel­lung einer “natür­li­chen Ord­nung” mit tra­di­tio­nel­ler Fami­lie.

Die Rechts­extre­mis­mus-For­sche­rin Nata­scha Strobl ord­net ein: “Die Idee dahin­ter ist natür­lich Zer­set­zung. Es geht dar­um, an den Grund­fes­ten der Demo­kra­tie und der Gesell­schaft zu rüt­teln. Das dar­un­ter­lie­gen­de Gefühl ist Anti­fe­mi­nis­mus, es ist Miso­gy­nie.”

Was sagen die Insti­tu­tio­nen?
Die UN-Son­der­be­richt­erstat­te­rin Reem Alsa­lem stell­te 2023 dem Men­schen­rechts­rat in Genf einen ver­nich­ten­den Bericht vor und ord­ne­te die PAS-Pra­xis erst­mals als Men­schen­rechts­ver­let­zung ein. Über 80 Staa­ten sowie die EU unter­stüt­zen den Bericht. Russ­land ver­tei­digt als ein­zi­ges Land das PAS-Kon­zept. Aus Deutsch­land: Schwei­gen.

Der Euro­pa­rat ermahnt Deutsch­land für fami­li­en­ge­richt­li­che Ver­fah­ren, in denen mit PAS argu­men­tiert wird. Eini­ge euro­päi­sche Län­der haben das Kon­zept als Argu­ment in Sor­ge­rechts­ver­fah­ren bereits ver­bo­ten. In Deutsch­land ist es wei­ter­hin auf dem Vor­marsch.

Jede Gewalt­tat ist eine bewuss­te Ent­schei­dung

Bei IZOG arbei­ten wir mit Men­schen, die Gewalt aus­üben. Wir wis­sen: Gewalt pas­siert nicht ein­fach. Sie wird gewählt. Und wer die­se Wahl trifft, trägt die Ver­ant­wor­tung – unab­hän­gig davon, wel­che Nar­ra­ti­ve spä­ter kon­stru­iert wer­den.

Kon­zep­te wie PAS funk­tio­nie­ren genau anders­her­um: Sie ent­las­ten die Ver­ant­wort­li­chen und belas­ten die­je­ni­gen, die Schutz suchen. Dass ein renom­mier­ter Ver­lag wie Rowohlt sol­chen Inhal­ten eine Platt­form geben woll­te, zeigt, wie drin­gend Auf­klä­rung nötig ist.

Was bleibt
Die Kri­tik von Fach­leu­ten, Jour­na­lis­tin­nen und Kin­der­schutz­or­ga­ni­sa­tio­nen hat gewirkt: Rowohlt hat den Erschei­nungs­ter­min um neun Mona­te ver­scho­ben und prüft das Manu­skript. Ob das Buch in ver­än­der­ter Form erscheint, bleibt offen.

Klar ist: Die Debat­te um Väter­rech­te, Gewalt­schutz und Fami­li­en­recht wird wei­ter­ge­hen. IZOG wird sie beglei­ten – mit dem Fokus auf das, was zählt: die Ver­ant­wor­tung der­je­ni­gen, die Gewalt aus­üben.


Wei­ter­füh­ren­de Quel­len: