Süd­afri­ka hat geschlechts­spe­zi­fi­sche Gewalt als natio­na­le Kata­stro­phe ein­ge­stuft. Die Reak­ti­on folgt auf lan­des­wei­te Pro­tes­te und eine Online-Kam­pa­gne mit über einer Mil­li­on Unter­schrif­ten. Die Zah­len sind ein­deu­tig: Täg­lich ent­schei­den sich 15 Men­schen dafür, Frau­en und Mäd­chen zu töten. Die Rate liegt fünf­mal höher als der glo­ba­le Durch­schnitt.

Am 21. Novem­ber 2025 leg­ten sich Men­schen in 15 Städ­ten für 15 Minu­ten auf den Boden – eine Minu­te für jede bewuss­te Tötung pro Tag. Die “Pur­ple Move­ment” mobi­li­sier­te über Social Media, Pro­mi­nen­te wech­sel­ten ihre Pro­fil­bil­der zu Lila, der Far­be der Sen­si­bi­li­sie­rung für geschlechts­spe­zi­fi­sche Gewalt.

Die Kate­go­ri­sie­rung ändert nichts am Kern des Pro­blems
Die Ein­stu­fung als natio­na­le Kata­stro­phe ermög­licht Behör­den, Bud­gets für Maß­nah­men zu nut­zen. Schei­tern die­se, kann eine natio­na­le Not­la­ge aus­ge­ru­fen wer­den. Doch Came­ron Kasam­ba­la von Women for Chan­ge bringt es auf den Punkt: “So vie­le schö­ne Geset­ze – gefolgt von man­geln­der Umset­zung und Trans­pa­renz.

Das Pro­blem ist struk­tu­rell. Eine Frau berich­tet der BBC, wie ihr Ver­ge­wal­ti­gungs­fall ein­ge­stellt wur­de, weil das DNA-Kit ver­lo­ren ging. Kein Poli­zei­pro­blem, sagt sie. Ein Pro­blem der gesam­ten Gesell­schaft.

Öster­reich: Eines der fried­lichs­ten Län­der – aber nicht für alle
Öster­reich gehört laut Glo­bal Peace Index zu den fried­lichs­ten Län­dern der Welt. Im Febru­ar 2024 ent­schie­den sich an einem ein­zi­gen Tag fünf Men­schen, Frau­en in Wien zu töten. Sechs in einer Woche. Die Kam­pa­gne #auf­stehn macht die Dimen­sio­nen sicht­bar: Pla­ka­te in Lan­des­haupt­städ­ten zei­gen die Bezie­hung zwi­schen den Getö­te­ten und jenen, die sich für ihre Tötung ent­schie­den haben. Ehe­mann. Ex-Part­ner. Bru­der. Die Lis­te zeigt: Gewalt fin­det im eige­nen Zuhau­se statt, aus­ge­übt von Men­schen, die den Betrof­fe­nen nahe­stan­den.

320 Frau­en wur­den in Öster­reich inner­halb eines Jahr­zehnts getö­tet. Von 2014 auf 2018 ver­dop­pel­ten sich die Zah­len. Die Sozio­lo­gin Lau­ra Wies­böck vom Insti­tut für Höhe­re Stu­di­en Wien for­mu­liert klar: “Femi­zi­de sind Hass­ver­bre­chen. Sie sind die extrems­te Form frau­en­feind­li­cher Gewalt in patri­ar­cha­len Gesell­schaf­ten.

Struk­tu­rel­le Nor­ma­li­sie­rung von Gewalt
Die Daten aus Öster­reich zei­gen ein Mus­ter: Die meis­ten Betrof­fe­nen, die Gewalt aus­üb­ten, waren zwi­schen 30 und 39 Jah­re alt, mit einer wei­te­ren Häu­fung um die 70. Fast alle hat­ten eine jah­re­lan­ge Gewalt­ge­schich­te in der Bezie­hung. Bei etli­chen Taten gab es bereits Kon­takt mit der Poli­zei. Die Frau­en wur­den in ihrer Bedro­hung nicht ernst genug genom­men – und spä­ter getö­tet.

Eine reprä­sen­ta­ti­ve Umfra­ge von 2016 zeigt die Dimen­si­on der gesell­schaft­li­chen Nor­ma­li­sie­rung: Fast jede vier­te Per­son in Öster­reich stimmt zu, dass Gewalt an Frau­en oft durch die­se pro­vo­ziert sei. Vic­tim-Bla­ming als Stan­dard. Wies­böck nennt ein wei­te­res Bei­spiel: Medi­en titeln “Sie trenn­te sich, das war ihr Todes­ur­teil” – damit wird die Tren­nung als Ursa­che dar­ge­stellt, nicht die bewuss­te Ent­schei­dung eines Men­schen, mit Ableh­nung nicht gewalt­frei umzu­ge­hen.

Poli­ti­sche Prio­ri­tä­ten und ihre Fol­gen
Die rechts­kon­ser­va­ti­ve Regie­rung unter Sebas­ti­an Kurz kürz­te zwi­schen 2017 und 2019 die Bud­gets für Gewalt­schutz dras­tisch. Poli­zei­schu­lun­gen durch Frau­en­haus-Mit­ar­bei­te­rin­nen wur­den gestri­chen, eine Mil­li­on Euro in der Fami­li­en­be­ra­tung ein­ge­spart. Das Ergeb­nis: mehr als eine Ver­dopp­lung der Tötun­gen von Frau­en. Die Skan­da­li­sie­rung in der Poli­tik hielt sich in Gren­zen. Wies­böck: “Die man­gel­haf­te Prio­ri­sie­rung des Schut­zes von Frau­en­le­ben ist deut­lich erkenn­bar.

Prä­ven­ti­on beginnt bei denen, die Gewalt aus­üben
Wäh­rend in Süd­afri­ka Frau­en sich mit Schuss­waf­fen bewaff­nen – ein Sym­ptom der Ver­zweif­lung –, zeigt sich: Reak­ti­ve Maß­nah­men grei­fen zu spät. Lynet­te Oxeley von Girls on Fire trai­niert Frau­en im Umgang mit Waf­fen, betont aber: “Es geht nicht ums Schie­ßen. Ich will, dass Frau­en ändern, wie sie über sich den­ken. Hört auf zu schwei­gen.” Der Ansatz ver­fehlt das Ziel. Nicht Frau­en müs­sen sich ändern oder bewaff­nen. Men­schen müs­sen auf­hö­ren, bewuss­te Ent­schei­dun­gen für Gewalt zu tref­fen.

Was Süd­afri­ka und Öster­reich mit Deutsch­land ver­bin­det
2019 erklär­te Süd­afri­ka geschlechts­spe­zi­fi­sche Gewalt zur natio­na­len Kri­se. Sechs Jah­re spä­ter: die Hoch­stu­fung zur Kata­stro­phe. In Deutsch­land fällt alle 48 Stun­den die bewuss­te Ent­schei­dung, eine Frau zu töten. In Öster­reich ist das eige­ne Wohn­zim­mer für Frau­en sta­tis­tisch gefähr­li­cher als der S‑Bahnhof. Die Zah­len unter­schei­den sich, die Struk­tur nicht.

Gewalt wird, wie Kasam­ba­la sagt, “in unse­re Kul­tur inte­griert, in unse­re sozia­len Nor­men.” Das gilt län­der­über­grei­fend. Wies­böck for­mu­liert es so: “Frau­en­ver­ach­tung und sexis­ti­sche Gewalt sind gesell­schaft­lich weit­ge­hend nor­ma­li­siert – auch auf höchs­ten Ebe­nen.” Solan­ge geschlechts­spe­zi­fi­sche Gewalt als etwas behan­delt wird, das Frau­en wider­fährt, statt als bewuss­te Ent­schei­dung von Men­schen, die Gewalt aus­üben, bleibt Prä­ven­ti­on eine Wort­hül­se.

Was tat­säch­lich gebraucht wird
Wies­böck nennt es beim Namen: “Für Prä­ven­ti­on bräuch­te es einen Kul­tur­wan­del im Bereich der Geschlech­ter­rol­len: eine Gesell­schaft, in der männ­li­che Iden­ti­tät nicht mit dem Anspruch auf Macht und Domi­nanz ein­her­geht, in der es Raum für Ver­letz­lich­keit gibt und Krän­kun­gen nicht in Form von Aggres­sio­nen und Gewalt aus­ge­lebt wer­den.

IZOG setzt hier an, denn jede Gewalt­tat ist eine bewuss­te Ent­schei­dung – und bewuss­te Ent­schei­dun­gen kön­nen geän­dert wer­den. Nicht durch stren­ge­re Geset­ze oder bes­se­re DNA-Kits. Nicht durch mehr Frau­en­häu­ser allein, so wich­tig die­se sind. Son­dern durch kon­se­quen­te Prä­ven­ti­ons­ar­beit, die bei den Ver­ant­wort­li­chen ansetzt, nicht bei den Betrof­fe­nen der Gewalt.

Süd­afri­kas Pro­tes­te, Öster­reichs #auf­stehn-Kam­pa­gne, die welt­wei­te Pur­ple Move­ment – sie alle zei­gen: Sym­bo­li­sche Ges­ten rei­chen nicht. Es braucht struk­tu­rel­le Ver­än­de­rung. Und die beginnt dort, wo Gewalt ent­steht – in den Köp­fen derer, die sie aus­üben.